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Donnerstag 2 Mai 2002

Reif für die Insel...
Südengland
Und wo soll man da bitteschön fliegen ?

   

"England" klingt für viele Piloten mehr nach Nebel...des Grauens für Gleitschirmflieger. Es scheint schwer vorstellbar, dort zum Fliegen hinzufahren. Doch daß es sich bei dieser Einschätzung um ein ungerechtes Vorurteil handelt, hat Norbert Aprissnig in Ausgabe 9/00 festgestellt. Und auch, daß es an wirklich unfliegbaren Tagen auch wirklich viel zu entdecken gibt...

Endlich, Anfang September - 2 Wochen Urlaub. Viele interessante Fluggebiete spukten mir im Kopf herum, die um diese Jahreszeit optimal sind : XC-Flüge im südfranzösischen St. André, Soaringspaß im italienischen Castelluccio oder Thermikflüge in den Dolomiten. Da aber Frauen, auch wenn sie fliegen, andere Vorstellungen vom Urlaub haben, wurde ich aus meinen Träumen gerissen, denn das „Pflichtenheft" für den gemeinsamen Urlaub sah naturgemäß völlig anders aus : Reisen und Kultur, Land und Leute, und ein bißchen Gleitschirmfliegen so nebenbei. Dolomiten, Südfrankreich, Umbrien Ade ! Die Wahl fiel - man sollte es nicht für möglich halten - auf Südengland. Quasi als Vertiefung eines Kurzurlaubes in London, sollte es wieder ins Vereinigte Königreich gehen. Von Dover über Sussex, die Isle of Wight, bis in den westlichen Landzipfel, Cornwall, hochromantische „Heimat" von König Arthus und die „Lieblingskulisse" von Rosamunde Pilchers Romanverfilmungen. Piloten aus England gibt es ja genug. Ob Whittal, Pendry oder Goldsmith, die müssen ja irgendwo das Fliegen gelernt haben. Bezeichnenderweise hat sich dieses Triumvirat allerdings längst in den sonnigen Süden Frankreichs abgesetzt. Das kann ja heiter werden !

Nach einigen Recherchen fanden sich aber recht gute Unterlagen von Fluggebieten in Sussex und auf der Isle of Wight, als Fahrzeug war wieder einmal das Wohnmobil vorgesehen. Im Geiste sah ich mich schon mit dem 7,7 m langen Hymermobil auf kleinen, kurvigen, von Hecken umgebenen englischen Landstraßen, links fahren - das konnte ja noch heiterer werden !

Der „Sprung" auf die Insel
Ende August ging es dann los Richtung „Insel", im Vorfeld mußte noch die „Überwindung" des Ärmelkanals geklärt werden. Seit einiger Zeit ist es ja möglich, den „Channel" im Tunnel, Huckepack auf einem Zug, zu unterfahren. Doch im Urlaub kommt es auf das bißchen Zeitersparnis nicht an (ca. 30 Minuten), und sich den berühmten Kreidefelsen von Dover an Bord eines Schiffes zu nähern hat ja doch viel mehr Charakter. Zudem bietet P&O Stena Line auf der Linie Calais-Dover 35 ( !) Fahrten in einer Richtung täglich. Zur Hauptverkehrszeit bedeutet dies, daß alle 30 Minuten ein Fährschiff den Hafen von Calais verläßt. Trotzdem sollte man gerade in der Haupturlaubszeit am Wochenende reservieren, um dann nicht zu lange auf einen freien Platz warten zu müssen. An einem windigen Freitag Abend sahen wir dann mit Spannung - wie schon Asterix und Obelix einige Jährchen vor uns - die ominösen Kreidefelsen von Dover näher kommen.

Fliegen in Sussex
Wer seinen Flugurlaub - was unbedingt zu empfehlen ist - mit einem Besuch der Metropole London verbinden möchte, tut dies am besten von Dover aus, denn die Großstadt an den Ufern der Themse ist von hier in etwa einer Stunde zu erreichen. Nach einer ersten Nacht in der Nähe von Dover ging es bei recht gutem Wetter an der Küste westwärts in Richtung der Grafschaft Sussex, denn dort befinden sich die bekanntesten Fluggebiete zwischen den alten Seebädern Brighton und Eastbourne. Westlich von Eastbourne dann das erste Fluggebiet, und was für eines ! Steil steigen die Felsen an, wenn man der Uferpromenade folgt. Beachy Head, wildromantische Tiefblicke auf den alten Leuchtturm und ein tolles Soaringfluggebiet bei Süd- und Südostwind ! Leider waren uns Wind und Wetter nicht günstig gestimmt und so blieb es bei den atemberaubenden Tiefblicken - allerdings mit beiden Beinen am Boden. Als Ersatzprogramm stand dann mit Brighton Englands berühmtestes Seebad am Programm und am Palace Pier konnte wir zumindest den Möwen beim Soaren zusehen.

Devil's Dyke und Mount Caburn
Der nächste Tag brachte dann schönstes Spätsommerwetter, und da überregional Nordwind vorherrschte, machten wir uns auf in Richtung eines der bekanntesten Fluggebiete der Region, Devil's Dyke. Das bekannte Fluggebiet liegt auf einem Hügel, der ein stark frequentiertes Ausflugsziel darstellt. Dafür ist auch das Devil's Dyke Inn, ein großer Gasthof, verantwortlich. So waren auch an diesem Tag viele Ausflügler zugegen, die neugierig unter anderem zwei Gleitschirmflieger bei ihren Startvorbereitungen umringten. Also nichts wie raus mit unseren Flügeln, der englische Luftraum sollte endlich erobert werden. Nach einem ersten kleinen Flug mit anschließendem Toplanding drehte allerdings der Wind, die Meeresbrise von Brighton her setzte ein. Die „Locals" nahmen dies wie selbstverständlich zur Kenntnis, „Fluggebietswechsel" zum 20 km entfernten Mount Caburn war angesagt. Schon von weitem sah man einige Gleitschirme über dem nur etwa 100 m hohen Hügel hängen. Nachdem wir den Mount Caburn erklommen hatten, war beim Start gutes Starkwindhandling gefragt. Der „Verkehr" in der Luft war auch nicht ohne, denn rund 20 Gleitschirme „kratzten" an dem kleinen Hügel. Als ich mich einmal östlich über den Gipfel versetzen ließ, kamen mir zudem noch zwei Modellflieger in die Quere. Der Berg wird gut „genutzt", denn am Hangfuß machten 10 Schüler zur selben Zeit ihre „ersten Hüpfer". Das war mir dann doch zuviel, also Beschleuniger bis zum Anschlag nach vor und gegen die laminare Brise hinaus ins Flachland. Siehe da, plötzlich griff ein thermischer Aufwind am Flügel an, stark windversetzt ging es hurtig mit wenigen engen Kreisen über den Mount Caburn. Endlich konnte ich auf die „Störenfriede von vorher" hinabschauen.

Isle of Wight
Durch reife Brombeersträucher wanderten wir - leicht ansteigend - auf der Hügelkette dem Startplatz entgegen. Um uns saftiges Grün und das friedliche Blöken der Schafe, über uns ein Gleitschirm, der in der laminaren Meeresbrise, von den tiefstehenden Sonnenstrahlen in goldenes Licht gehüllt, ruhig seine Schleifen zog. Und vor uns das ewig blaue Meer, das seine Farbspiele bis weit ins Innere der Isle of Wight schickte. „England im Kleinen" nennt man die Insel auch, die von der Meerenge Solent getrennt, vor den Großstädten Southhampton und Portsmouth im Kanal „schwimmt". Und tatsächlich, hinter jeder Straßenbiegung, hinter jeder Hecke wechselt das Licht, ändert sich die Szenerie. Von den etwas steifen britischen Seebädern Rydes und Cowes im Norden über die Inselhauptstadt Newport ging es über die hügelige Landschaft, wo sich Schafweiden und Kornfelder abwechseln, in den Süden. Shanklin - mit schönem Sandstrand - ist ein Traum für alle, die gerne baden. Fährt man die Küste weiter Richtung Westen, so bekommt der Landstrich einen fast mediterranen Einschlag. In Ventnor wähnt man sich eher in Italien, als nur etwa 100 km von London entfernt. Kleine Palmgewächse unterstreichen diesen Eindruck. Nach Ventnor wird die Küste einsam, kaum trifft man auf Siedlungen, dafür Kilometer für Kilometer einsamer Strand und Felsen, die sich vorzüglich zum Küstensoaren eignen.

King of Soaring
Die Krönung dieses Soaringspaß stellt die weltberühmte Westspitze der Isle of Wight dar, die in den atemberaubenden „Needles" endet. Der Flug oberhalb der Alum Bay setzt allerdings N-Wind und höchste Vorsicht voraus. Denn wird man bei starkem Wind über den Grat versetzt, gibt's keine „Rückendeckung" mehr, sondern nur mehr den Kanal. Die Flugbedingungen auf der „Isle" sind aber bei weitem nicht nur auf Soaring reduziert. Oberhalb von Brighstone, in einem wunderschönen Wanderparadies, liegt ein tolles Fluggebiet mit Thermikpotential. Denn mehreren Piloten gelang es schon mit dem Gleitschirm den Solent, die Meerenge zwischen der Isle of Wight und dem „Festland" zu überqueren ! Von den teuren Fährpreisen abgesehen (Fährverbindung Portsmouth-Fishbourne, Portsmouth-Ryde oder Lymington-Yarmouth) ist die Isle of White jedenfalls in jeder Hinsicht eine Reise wert.

Die Entdeckung der Langsamkeit
Neben der schon ausführlich beschriebenen „Linksfahrproblematik" unterscheidet sich das Autofahren auf der „Insel" doch auch sehr von den Gepflogenheiten in unseren Breiten. Obwohl England das Land mit größter Motorsporttradition ist, geht es der Brite im Straßenverkehr, vielleicht gerade deswegen, gemütlich an. Staus, Verzögerungen etc., für die ich teilweise mit meinem fast 8 Meter langen Wohnmobil auf den engen Straßen Südenglands sogar selbst verantwortlich war, bringen den echten Briten nicht so schnell aus der Ruhe. Von Gefühlsausbrüchen, Beschimpfungen, oder sogar unflätigen Handzeichen ganz zu schweigen. Auf der Isle Of Wight kam ich mit meinem „Dickschiff" einem älteren Pärchen in die Quere. Sir Roger hatte mit „Darling" einen kleinen Ausflug im Jaguar gemacht, leider ohne Chauffeur. Auf einer engen, heckenumsäumten, Straße „stießen" wir aufeinander. Ich konnte nicht zurück, weil der Rückwärtsgang meines Hymer-Wohnmobiles zu lang übersetzt ist, um die Steigung rückwärts ohne Kupplungsschaden zu überstehen. Und Sir Roger ohne Chaffeur leider hoffnungsvoll überfordert. Also „Darling" ran, und Sir Roger zwecks Einweisung in den Straßengraben. Doch die Fahrkünste von „Darling" kamen auch nicht von weit her und so zog sich das Manöver weiter in die Länge. Erst als ich mit dem Wohnmobil in „Indianapolis-Steilkurvenmanier" „ausritt" stellte sich der gewünschte Erfolg ein. Gut und gerne ein halbes Stündchen waren wir beschäftigt, doch kein böses Wort kam Sir Roger über die Lippen, denn schlußendlich war ich nicht ganz unschuldig an der Situation, hatte ich doch eine Straßenbreiten-Beschränkung in englischer Maßeinheit offensichtlich falsch umgerechnet. Sir Roger war mir jedenfalls nicht böse und hob - als wir endlich aneinander vorbei fuhren - die Hand zum freundlichen Gruße !

Richtung Cornwall
Ade Sussex und Isle of Wight, durch den wunderschönen New Forest ging's Richtung Westen. Besonders zauberhaft empfand ich die Grafschaft Dorset. Reetgedeckte Häuser, grüne Hügel und das blaue Meer, das uns - Petrus sei Dank - zum Baden einlud, prägen die Landschaft. Bekannte Fluggebiete lagen nicht mehr am Weg, „soarbare" Küstenstriche und Hügel wie z.B. bei Hardy's Monument gibt es allemal. Doch die Landschaft wurde rauher, wir näherten uns der Welt der keltischen Druiden und der Seeräuber. Von der Besichtigung von Land's End hingegen muß ich unbedingt abraten, teure Parkg- und Eintrittsgebühren zu einem eingezäunten „Disneyland" machten wenig Freude. Als Ersatz und nicht weniger spektakulär sei hingegen der südlichste Punkt von Cornwall, der Lizard Point, empfohlen. Eine wilde, ursprüngliche Landzunge, die den perfekten „Wendepunkt" einer Südenglandreise darstellen könnte.

Institution Pub
Vielgerühmt und besungen sind sie, die englischen Pubs. Eine alte, englische Institution und in jedem noch so kleinen Ort zu finden. Verschrien für wahrlich abscheuliches Essen, und doch liebenswert. So haben auch wir uns allabendlich in Pubs zwischen Dover und Penzance eingefunden, und den Pubs viel liebenswertes abgewinnen können. Hier findet er nicht statt, der „Jahrmarkt der Eitelkeiten", der in unseren Breiten das abendliche Ausgehen prägt. Alt und Jung versammelt sich am Tresen und feiert gemeinsam bis zur in England strikt geregelten Sperrstunde. Besonders am Land kennt jeder jeden, und die Atmosphäre ist familiär und freundlich.

Essen in England
Vor kurzem las ich in einem Reiseführer über England „... das englische Essen ist besser als sein Ruf !" Dies kann ich nach 2 Wochen Südengland leider nicht bestätigen. Unzählige dramatische Selbstversuche - man will ja einem Gastgeberland nicht Unrecht tun - brachten immer gleiche Ergebnisse. Und das, obwohl man um Fish and Chips wohlweislich einen großen Bogen gemacht hatte (oder war gerade das der Fehler ?) ! Beschränkt empfehlen kann ich nur die reichlich vorhandene ausländische Küche (Italiener, Inder, Griechen, etc.). Wie auch immer, relativ tief muß man sowieso in die Tasche greifen, was uns nach den angesprochenen desaströsen Versuchen genervt schließlich auf „eiserne" Wohnmobilreserven zurückgreifen ließ.

Rückreise
Nach der „Wende" in Land's End empfiehlt sich die Rückfahrt an der Nordwestküste Cornwalls. Der südländisch anmutende Künstlerort St. Ives oder Tintagel, wo der Sage nach König Arthus Burg lag, sind empfehlenswerte Fixpunkte. Ebenso sollte man den weltberühmten, prähistorischen Ort Stonehenge bei Salisbury gesehen haben, wenn auch - gerade im Sommer - mit größeren Menschenmassen gerechnet werden muß.

Am Ausgangspunkt unserer Reise
Etwas mehr als zwei Wochen nach Beginn unserer Reise fanden wir uns an Bord eines P&O Stena Line-Schiffes sozusagen am Ausgangspunkt unserer Reise wieder. Während ich damals noch sehnsüchtig von Dolomitenthermik träumte, blickte ich jetzt fast ein bißchen traurig auf die im Dunst verschwindenden Kreidefelsen von Dover. Es war einfach ein toller Urlaub gewesen - und mittlerweile kann ich Südengland für Flugbegeisterte, die auch ein bißchen Kultur und Land und Leute erleben wollen, uneingeschränkt empfehlen. Ich stand jedenfalls sicherlich nicht das letzte Mal auf einem Fährschiff, das den Kanal überquerte ...

Norbert Aprissnig

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Herausgeber: Mag. Norbert Aprissnig
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