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Dienstag 27 Juli 1999

Meteorologie
Wind und Wetter ums Mittelmeer...
...frisch aus der Überraschungsküche

   

Die Mittelmeerländer gehören zu den beliebtesten Reisezielen der Nordeuropäer. Wir Gleitschirmflieger machen da keine Ausnahme. Schließlich suchen wir genau wie der Strandurlauber vor allem eins : sonnige Wärme und ein laues Lüftchen. Und wenn im Herbst jene Strandurlauber ihre Sachen packen, bleiben die mediterranen Flugberge für uns immer noch interessant : Thermik ganzjährig. Ganz zu schweigen von dem besonderen Privileg, zum Beispiel in Monaco hoch über den grünblauen Fluten Kreise drehen zu dürfen und das funkelnde Glitzern der Sonne unter den Füßen zu sehen.

Die Sonne ist tatsächlich allgegenwärtig : in vielen Mittelmeerregionen scheint sie an 300 Tagen im Jahr. Natürlich befinden sich fast alle dieser Regionen direkt an der Küste : schon einige Dutzend Kilometer weit im Landesinneren ist es meistens vorbei mit dem trockenen und warmen Wetter. Auf Klimakarten ist ganz deutlich zu sehen, daß nur ein mehr oder weniger breiter Streifen rund ums Mittelmeer eben vom typisch mediterranen Klima verwöhnt wird. Selbst in Marokko bildet der Atlas eine Wetterscheide.

Wetterscheide : da haben wir's. Denn daß der Startplatz von Monaco meist genauso sonnig, warm und trocken ist wie der Landeplatz auf dem kroatischen Vis oder die Terrasse von Juans Bodega, liegt vor allem daran, daß das recht kleine Mittelmeer rundherum von relativ hohen Bergen umgeben ist. Diese bieten kaum Widerstand gegen warme Luftmassen, die in der Höhe darüber zirkulieren. Kaltfeuchte Luftmassen hingegen, die zum Beispiel vom Atlantik in Richtung Mittelmeer wandern, werden zum Aufsteigen gezwungen, regnen sich aus und heizen sich beim Abstieg auf der anderen Seite auf. Dieses Phänomen kennen wir als Föhn : das sanfte Klima um das "mare nostrum" beruht also unter anderem auf einem Föhneffekt.

Föhn klingt eigentlich ziemlich inkompatibel mit Gleitschirmfliegen. Ist es auch, am Mittelmeer genauso wie in den Alpen. Ein flagrantes Beispiel sind die Flugberge von Laragne oder Aspres in Südfrankreich. (FUSSNOTE : Aspres und Laragne liegen zwar weit im Landesinneren, sind aber dennoch unter mediterranem Einfluß. Nirgendwo anders ragt das Mittelmeerklima so weit ins Landesinnere wie in der Provence) Fast alle Piloten, die schon einmal ihren Flugurlaub hier verbracht haben, können ein Lied vom "Mistral" singen. Dieser berühmte Sturm und Flugverderber tritt ganzjährig auf : unter strahlend blauem Himmel und sengender Sonne pfeift es mit 60- 100 km/h in Richtung Mittelmeer. Daß es sich dabei eigentlich auch um einen Nordföhn handelt, ist nicht auf den ersten Blick erkennbar und nur wenigen Piloten bekannt. Manchmal wird der Mistral von Lenticularis begleitet, aber nicht immer. Nur ein Blick auf die andere Seite der Wetterscheide "Südalpen" brächte manchmal Gewißheit : dichte Wolken und Regen auf der Nordseite des Passes "Col de la Croix Haute" machen auf der Südseite dem blauem Himmel Platz. Doch selbst das muß nicht sein : manchmal kommt der Mistral wirklich aus heiterstem Himmel.

Denn eine weitere Besonderheit des Mittelmeerraums ist sein Hang zum "do-it-yourself" : während die nordeuropäischen Länder ihre Störungen aus dem Atlantik importieren, fabriziert sich das "mare nostrum" seine eigenen Tiefs öfters mal selbst. Auf gut auflösenden Isobarenkarten ist häufig zu sehen, wie sich kleine und kurzlebige Tiefs bilden und bald darauf wieder auffüllen. Diese Tiefdruckgebiete bringen im Sommer seltenst Regen, dafür aber Wind. Die Entstehung dieser Tiefs beruht auf komplexen Zusammenhängen und ist selbst für erfahrene Meteorologen nicht immer vorauszusehen. Ein Grund für diese Launenhaftigkeit der mediterranen Wetterküche ist eben der starke thermische Kontrast : eine an ozeanischen Maßstäben gemessen pfützengroße Wassermasse wird von hohen sonnenverwöhntem Fest- und Bergland eingeschlossen.

Um beim Beispiel von Mistral und Laragne zu bleiben : wer dort beim letzten Urlaub mit dem Lenkdrachen spielen mußte, war eventuell Opfer des berüchtigten Genua-Tiefs. Dieses Hausmachertief, das überm Golf von Genua ensteht, gehört zu den häufigsten Ursachen von Mistral und Tramontane. Dies gilt vor allem, wenn das Hochdruckgebiet über Südwestfrankreich anschwillt. Man vergesse nicht, das starke Winde nicht unbedingt nur alleine von einem Tief verursacht werden : ein anschwellendes Hoch verkleinert ebenfalls den Abstand der Isobaren auf einer Karte, und wenn sich daneben ein leines Tief befindet geht die Pusterei los. Westlich von Toulon zum Beispiel steigt der Luftdruck, bevor der Mistral zuschlägt, während er östlich davon nach Genua hin eher fällt.

Eine weitere mögliche Ursache für den Mistral ist ein Kaltlufteinbruch in den Mittelmeerraum. Wenn, wie eingangs erwähnt, ein Tief über Mitteleuropa zieht, ist im Sommer von der dazugehörigen Warmfront im Mittelmeerraum meist kaum etwas zu sehen : ein paar harmlose Cirren ziehen durch den Himmel, das war's dann schon. Das Wetter bleibt trocken und sonnig. Mit der Kaltfront kommt dann zwar immer noch kein Regen, aber der Mistral fängt zu blasen an : zwischen den Pyrenäen und Toulon ist's aus mit den sonnigen Flügen. Allerdings schafft der Mistral nur seltener den Durchbruch zum Meer in der Höhe von Nizza : die Südalpen sind an dieser Stelle zu hoch und schützen Flugberge wie Gréolières, Gourdon und Monaco. Weiter westlich tritt der Mistral häufiger auf und verdirbt den Piloten in der Westprovence den Flugspaß, und im Rhônetal ist er fast schon Dauergast. Durch Düsenwirkung wird er noch entsprechend beschleunigt. Eine weitere Schneise liegt zwischen den Pyrenäen und dem Zentralmassiv : hier tritt fast immer zeitgleich mit dem Mistral die "Tramontane" aus. Diese wütende Schwester des Mistral hat in der Höhe von Leucate schon ganze Eisenbahnwaggons umgeworfen. Dann kann man unter strahlend blauem Himmel auf der Lagune Geschwindigkeitsrekorde mit dem Surfbrett aufstellen, und die schöne Soaringklippe am Strand steht nutzlos da. Grundsätzlich führen also folgende vier Verhältnisse zur Entstehung des Mistral : 1) Hochdruck über SW-Frankreich 2) Tief überm westlichen Mittelmeerraum (Genuatief) 3) Kaltluftversorgung aus dem Norden 4) Stagnierende Warmluft im Bereich des Mittelmeertiefs. Dabei müssen nicht unbedingt alle vier Konditionen erfüllt sein. Von der Dosierung dieser "Zutaten" hängen Aspekt und Würze des fertigen Gerichts ab. Der Mistral ist das berühmteste Beispiel für die Mittelmeerwinde, doch es gibt unzählige andere.

Ähnlich wie der Mistral entstehen zum Beispiel die italienische "Tramontana" und die "Bora" an der Adriaküste, beide aus Nordost. Die Bora kann zum Beispiel entstehen, wenn ein kräftiges Hoch über dem Balkan liegt und ein Tief überm Mittelmeer. Es handelt sich ebenfalls um einen Kaltlufteinbruch , und auch die Bora hat dennoch, ganz wie der Mistral, Föhncharakter : an den Gebirkskämmen bildet sich eine deutlich sichtbare Föhnmauer, und Fallböen stürzen sich mit Gewalt zum Meer hinab. Der Aktionsbereich der Bora ist aber sehr viel kleiner als jener des Mistral und beschränkt sich auf den nördlichen Zipfel der Adria.

Der türkische Meltemi und die griechischen Etesien finden ihre Ursache nicht in einem Tief überm Mittelmeer, sondern über der arabischen Halbinsel : dieses Tiefdruckgebiet entsteht zuverlässig jeden Sommer. Die nördlichen Winde wehen entsprechend gleichmäßig und verläßlich : man kann sie fast mit Passatwinden vergleichen.

Weitere Mittelmeerwinde sind der Schirrokko aus Süd, der vor allem im südlichen Teil des Beckens weht, und andere etwas lokalere Winde wie der Libeccio aus SW auf Korsika und an der italienischen Westküste, der Poniente in der Straße von Gibraltar und der Levanter auf den Balearen. Nicht nur jedes Land, sondern jede Region ha t "ihren" eigenen Wind mit einem örtlichen Namen. Über hundert soll es geben ! Die Griechen unterscheiden bei den Etesien sogar noch mehrere Sorten, je nach Stärke : der Kareklados pustet noch relativ sanft, bei Trapezados fliegen Blumentöpfe, und bei Kabanos wird's richtig ernst. Die Vielzahl der Winde im Mittelmeer beruht neben dem komplexen Druckverlauf auf zwei weiteren Faktoren : die Ablenkung der Winde durch die verschiedenen Gebirgsmassive und der Einfluß der ausgeprägten Land- und Seewindzirkulation.

Meteorologische Winde und Brisensysteme verwischen sich um das Mittelmeer in einer komplexen Mixtur. Auf der Insel Korsika ist das besonders deutlich zu sehen : auf gerade mal 83km Breite und 183 km Länge stürzen sich hier 2700 Meter hohe Berge in die blauen Fluten. Palmengesäumte Strände liegen in Blickweite taubedeckter Kuhalmen und sommerlicher Firnschneefelder. Es scheint, als wolle die korsische Meteorologie hinter der Gegensätzlichkeit der Landschaft und der Komplexität der Insulaner-Mentalitäten nicht zurückstehen und gebe sich deswegen extra unberechenbar : oft pfeift der Wind mit Gewalt um die kalkigen Klippen Bonifacios an der Südspitze, während die Piloten aus Ajaccio nicht mal 80km weiter nördlich am Gozzi soaren. Neben den thermischen Kontrasten und den Düseneffekten am Nord- und Südkap spielt allerdings auch die geographische Lage Korsikas im Zentrum des besagten Tief im Golf von Genua eine erhebliche Rolle : die Position nahe beim oder im Kern der Spirale erklärt oft die Vielfalt der simultan auftretenden Windrichtungen.

Die Funktionsweise der "Meeresbrisen" ist hinlänglich bekannt : tagsüber, wenn die Thermiken überm Festland aufsteigen, wird relativ kühlere Luft vom Meer angesaugt : der Seewind bläst. Nachts, wenn die Landmassen durch Abstrahlung wieder relativ schnell abkühlen, ist das Meer wärmer als das Festland : die Wind bläst in Richtung Meer. Dank der Temperaturunterschiede funktionieren die Brisensysteme im Mittelmeer also besonders gut und sind für alle küstennahen Flugberge von entscheidender Bedeutung. Der Seewind bringt 20 bis 40 Stundenkilometer aufs Anemometer , die nächtlichen Landbrisen hauchen etwas schwächer. Für uns Piloten sind natürlich die Meeresbrisen interessant : sie erlauben stundenlangen Soaringspaß in gleichmäßigen Aufwinden. Je näher der Flugberg am Meer liegt, desto früher tritt die Brise ein, und desto turbulenzfreier ist sie. Das ist sicherlich der interessanteste Aspekt : der Seewind hat direkt an der Küste noch kein einziges Hindernis angetroffen, und dementsprechend laminar ist die Luftströmung. Dank der gleichmäßigen Strömungen kann der Pilot extrem präzise steuern und in einigen "Zentimetern" Höhe über den Sandhügeln schweben. Weiter im Landesinneren spielt dann natürlich wieder die Thermik ihre Rolle. An diesen Flugbergen ist oft folgendes Schema zu beobachten : bis mittags handelt es sich um eine normale "thermische" Aktivität. Zwischen den immer stärker aufsteigenden Blasen wird der Flugberg kaum angeströmt. Wer "oben" bleiben will, muß sich geschickt von Blase zu Blase hangeln. Währenddessen dringt der Seewind immer weiter ins Landesinnere vor. Oft ist diese "Brisenfront" an einer schnurgeraden Cumulus-Linie erkennbar. Am frühen Nachmittag passiert es dann : der Windsack steht konstant stramm, die Luft riecht nach Meer, und der gleichmäßige Aufzug ist garantiert. Wenn er nicht zu stark ist : dann müssen die Piloten am Startplatz etwas warten. Jene, die vorher gestartet sind und nicht zwischen zwei Thermiken abgesoffen sind, kleben hoch überm Startplatz stationär im Himmel. Allerdings werden mit der Brise auch die Thermiken "plattgelegt" : der Aufwind ist zwar gleichmäßiger, die eingelagerten Thermiken reichen aber nicht mehr so weit hoch wie vorm Eintritt des Seewinds.

Die Meeresbrisen funktionieren immer, wenn kein starker meteorologischer Wind dagegensteht. Manchmal entwickelt sich ein richtiger Kampf : zum Beispiel, wenn an einer Südküste ein leichter Nordwind weht. Irgendwann ist die Brise stärker als der Wind, und die Verhältnisse kehren sich um. Wenn der Nordwind allerdings zu stark ist, kommt die Brise nicht dagegen an : der meteorologische Wind wird zwar teilweise kompensiert und bläst schwächer, die Windfahne am Soaringberg zeigt aber weiterhin hoffnungslos talwärts. Ein anderer Grund für das Ausbleiben der Meeresbrise kann ein kräftiges Hoch sein : die zu hohe Stabilität der Luftmasse unterdrückt die thermische Aktivität,. Gleiches gilt bei anziehenden Warmfronten : die fehlende Meeresbrise steht in dem Fall für eine nahende Wetterverschlechterung. Im Mittelmeer-Sommer ist das aber meist relativ : schlechtes Wetter steht dann oft nur für besagte Cirren, und fehlende Thermik und Brise zwingen den Piloten zu einem gar nicht so unangenehmen Badetag - im über zwanzig Grad warmen "mare nostrum" !

SB

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Insgesamt liegen 1 Kommentare zu diesem Thema vor.

> Wind und Wetter ums Mittelmeer...
16 Februar 2002, von Göldi  

Das ist mit Sicherheit der beste Bericht über das Wetter am Mittelmeer den ich jeh gelesen habe ! Gerade im Frühjahr und im Sommer haben wir einige Piloten an der Costa Brava, die einen immer wieder ungläubig ansehen wenn man ihnen sagt, sie sollen sich beeilen, da gleich nichts mehr geht ;-) Aber es wurden auch schon einige vom aufkommenden Seewind überrascht. Aus dem Grund hier noch ein Tip : wenn ihr oben seid,bitte immer die Windlinie,(sie ist sehr gut sichtbar)draussen auf dem Meer, im Auge behalten ! Wir haben einen Link auf unserer Hompage www.calajoncols.de hierher gesetzt,da dieser Artikel sicherlich eine sehr wichtige Info für Piloten ist,die ans Mittelmeer möchten !

viele Grüsse Volkmar www.pro-dive.de

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