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Samstag 5 Januar 2002

Mit Tupolev, Trike und Gleitschirm
Fliegen in Bulgarien
Soaring statt Sandburg

   

Bulgarien ist bislang eher für Strandurlauber als für Gleitschirmflieger erschlossen. Wir haben uns mit dem Gleitschirm auf dem Rücken im ehemaligen Ostblock-Land umgesehen.

Zum ersten Mal im meinem Leben fliege ich über eine Gewitterwolke. Nicht darunter, schon gar nicht darin, sondern.. darüber, irgendwo in fast 10.000 Metern Höhe. Zudem vollkommen rüttelfrei und sanft, ohne jede Turbulenz. Natürlich nicht mit dem Gleitschirm. Sondern... in einer Tupolev. Vorm Abflug mit dem Flugzeug der Balkan-Air hatten die Freunde gefrotzelt : du wirst sehen, diese russischen Maschinen werden mit Draht und Tesa repariert ! Das stimmt zum Glück nicht : rustikal erscheint die Maschine schon, aber dennoch sehr solide und sichtlich ordnungsgemäß gewartet.

Ein unglaublicher Anblick : die Pilze der Cumulonimben stehen überall am Horizont und versperren uns den Weg Richtung Bulgarien. Die Piloten starren unentwegt auf das Radargerät. Die Entscheidung fällt : über den dort fliegen wir drüber. Der Amboß des Monsters verschwindet schräg unter uns. "Beautiful...", bestaune ich das in der Abendsonne leuchtende Ungeheuer aus ungewohnter Perspektive. "Yes, beautiful", bestätigt der Bordkommandant, " but only from outside !", "nur von außen !". Den Riesenvögeln geht's nämlich genauso wie uns Tuchfliegern : das Innere der Wolkenkönige ist Tabu !

Wir sind auf dem Weg von Frankfurt nach Burgas, der Küstenstadt am Schwarzen Meer. Bulgarien ist vor allem Strandurlaubern bekannt : seit geraumer Zeit bieten große Reiseveranstalter pauschalen Badeurlaub in Riesenhotels am Schwarzmeerstrand... zu relativ günstigen Preisen. Mein Begleiter Pawel ist gebürtiger Bulgare und lebt jetzt in Deutschland. Er will mir sein Land zeigen und vor allem beweisen, daß der ehemals kommunistische Balkanstaat nicht nur als Billigziel für die Sandburg von Hinz und Kunz taugt, sondern auch ein neue Destination für Gleitschirmreisende darstellt. Er organisiert selber Reisen für interessierte Gleitschirmpiloten in diesem fliegerischen Neuland.

Am Flughafen in Burgas holen uns Plamen und Dejan ab. Die beiden sind echte bulgarische Gleitschirmprofis : sie organisieren Doppelsitzerflüge für Touristen am Stadtrand von Burgas. Direkt unter dem grünen Stadtpark fällt eine Böschung fünfzig Meter zum Strand hinab. Mutige Touristen können da in der Meeresbrise ihre Lufttaufe erleben : 10 Mark kostet die Viertelstunde. Ein nettes Panorama : am Fuße des Flugbergs ragt ein einsamer Landungssteg weit in das geheimnisvolle und einsame Schwarze Meer hinein. Nur umdrehen sollte man sich nicht : gleich hinter dem schönen Stadtpark ragen häßliche Plattenbauten in den Himmel : Relikte jener Zeit, in er wirklich nur Funktionalität zählte.

Am nächsten Tag brechen wir ins Landesinnere auf : Kazanlak ist unser Ziel. Die Stadt liegt inmitten des "Tal der Rosen". Ein klingender Name : die Gegend gehörte lange Zeit zu den größten Produktionsgebieten von Rosenöl, jenem wohlriechenden Grundstoff, ohne den die Parfümfabriken in aller Welt nicht leben könnten. Im späten Frühling ist Erntezeit. Wenn die Blätter morgens noch vom Tau benetzt sind, marschieren die Arbeiterinnen auf die Felder und köpfen die stolzen Symbole des Romantismus und stopfen sie in ganz unromantische Plastiktüten. Von dort geht's dann in die Destillerien, wo die Rosen ausgekocht und raffiniert werden. Zum Höhepunkt der Ernte veranstaltet Kazanlak das Rosenfest : das traditionelle Ereignis ist zu einem touristischen Anziehungspunkt geworden. Zum Glück für das Tal : außer dem Rosenfest bietet der Ort selber wohl nicht furchtbar viel...

Außer für uns Gleitschirmflieger : das Balkangebirge bietet einige interessante Flugberge im Tal der Rosen. Normalerweise. Wir müssen dagegen resigniert feststellen : starker und ungewöhnlicher Westwind macht jede Tuchfliegerei unmöglich. Zum Glück treffen wir Rumen Ivanov. Der Direktor von "Avio Delta" mit Sitz in Kazanlak fliegt mit den UL-Trikes seiner Herstellung durch die Gegend, auch bei etwas stärkerem Wind. Wenn Rosenfest ist und die Arbeiterinnen in traditionellen Kostümen die begehrten Blüten sammeln, düst Rumen mit japanischen Touristen im extremen Tiefflug über die Blumenfelder. So tief sogar, daß man fast vom Trike aus mitpflücken kann. Starten und landen tut er im Hinterhof der Werkstatt. Da darf nichts schiefgehen : die Bahn, gerade mal 50m lang, beginnt und endet in einem schweren Eisengitter. Aber Rumen ist Landungen auf engem Raum gewöhnt : in Kazanlak landet er auch mal mitten auf der Straße, wenn's sein muß. Der Chef von Avio Delta lädt uns zu einem UL-Ausflug über Kazanlak und den Rosenfeldern ein. Ein beeindruckender Flug : die Thermikblasen tragen die betörenden Parfümdüfte bis zu unseren Nasen, während uns die Arbeiter in den Feldern freundlich zuwinken. Dennoch bin ich ganz froh, nach einigen Schlenkern zwischen den Hochhäusern der Stadt wieder festen Boden unter den Füßen zu haben - das nächste Mal werden wir hoffentlich mit den eigenen Schirmen fliegen können !

Beim Rosenmuseum ist Highlife - Mädchen in typischen Trachten tanzen vor Touristen, und in einem großen Kessel wird Rosenwasser destilliert. Danach wird die Rosenkönigin gekürt. Die zieht mit dem Blumenkönig durch die Straßen, gefolgt von einem Troß junger Menschen in traditionellen Kostümen. Einige Tänzer hüpfen mit riesigen Kuhglocken beschwert durch die Häuserschluchten und veranstalten einen Höllenspektakel. Am Ende versammelt sich das bunte Volk auf einer großen Tribüne im Stadtzentrum. Gleich daneben führt eine Rentnergruppe ihr Gymnastikprogramm vor : Gymnastik oder Militärparade, lautet die Frage angesichts der roboterhaften Bewegungen der fröhlichen Senioren, die ihr Programm im Rhythmus der kommandierenden strengen Dame exerzieren. Fraglos : die Vergangenheit läßt sich noch nicht ganz verleugnen !

Am nächsten Tag versuchen wir unser Glück in Soport : der Flugberg liegt nur einige Kilometer von Kazanlak entfernt. Ein alter Sessellift führt auf den Gipfel mit dem bezeichnenden Namen "Vergißmeinnicht". Gleich auf den ersten Blick beeindruckt die Unberührtheit des grünen Paradieses : im Vergleich zu alpinen Flugbergen fühlt man sich hier im Balkangebirge wirklich wie Robinso Crusoe. Das antiquarische Gefährt rattert gemächlich zwischen den Baumwipfeln in Richtung der Startplätze. Beim Einstieg helfen die Angestellten, Piloten mitsamt Gepäck auf die alten Sessel zu verfrachten, ohne die Geschwindigkeit zu drosseln.

Oben auf den Almen ist wieder Enttäuschung angesagt : der Westwind ist wirklich zu stark. Die Thermik schafft es nicht, den meteorologischen Wind zu überblasen. Die Windfahne steht stramm talwärts. Nach einigen frustrierten Spielchen mit dem Lenkdrachen vertrauen wir uns wieder dem Sessellift für die Talfahrt an.

Unten an der Talstation machen Senner den potentiellen Landeplatz frei : Bauern aus dem Nachbardorf, die dieses scheinbar herrenlose öffentliche Wiesenstück direkt neben dem Sessellift jedes Jahr abernten. Nach uralter Methode schwingen sie ihre Sensen durch das saftige Gras. Freundlich grüßen Sie uns. Zumindest solange wir nicht auf ihrem Arbeitsfeld herumtrampeln. Als Pawel bei seinen frustvollen Aufziehübungen vorm böigen Wind ins ungemähte Gras gezogen wird, werden die Landwirte verständlicherweise etwas ungehalten. Also, auch mit Aufziehübungen ist Schluß. Die Grilleinlage am paradiesisch grünen Waldrand entschädigt uns etwas für die entgangenen Flugfreuden.

Wir verlassen das Tal der Rosen in Richtung Shoumen : eine Industriestadt auf der nördlichen Seite des Balkan. Ein haushoher Betonklotz thront als Denkmal auf dem Berg über der Stadt. Nicht weit davon hat Severin mehrere Startplätze mühsam freigeräumt : für jeden gefällten Baum mußte er woanders wieder einen neuen anpflanzen. Einer der Startplätze liegt sogar in abgezäuntem Militärgelände. Der Wächter läßt uns problemlos passieren : Severins Gleitschirmschule hat ihren Sitz in der Stadt. Natürlich ist ein Anfängerkurs nicht für jedermann erschwinglich : die dreißigtägige Grundausbildung kostet 120,- DM. Hier ist das ein Vermögen. Wer wirklich nicht anders kann, bekommt den Kurs auch für 50,-DM. Studenten bildet Severin sogar kostenlos aus, wenn sie sich an seinen Zeitplan anpassen. Wir starten für einen abendlichen Gleitflug über der Stadtkulisse : endlich wieder feste Luft unter den Füßen !

Ab da sollten die Flüge eigentlich richtig paradiesisch werden : wir fahren zum Soaren an die Schwarzmeerküste zurück. Kilometerlange grasbewachsene Hänge säumen die Ufer des Meers und die endlosen feinen Sandstrände, die aus Bulgarien ein Paradies für Sandburgarchitekten gemacht haben. Doch leider : wo normalerweise täglich eine angenehme Meeresbrise entsteht, weht nur ein laues Lüftchen. Die Brise schafft es nur gerade so eben, den meteorologischen Westwind zu annullieren. Außer ultrakurzen Gleitflügen ist nichts drin. Wir nutzen die Zeit, um neue Flughügel am Meer zu erkunden. Das Unterfangen wächst zur Expedition aus : bei Biala bleibt der Bus im Schlamm stecken, und Dejan muß uns mit seinem klapprigen "Lada 1200" aus dem Dreck ziehen.

Am letzten Tag fahren wir auf einen Flugberg im Landesinneren, einige Kilometer von Burgas entfernt. Erwartungsgemäß ist auch hier in Topolitza Rückenwind, wenn auch nur leicht. Plamen stört das kaum : er breitet seinen abenteuerlich geflickten Schirm aus und rennt wie ein Wahnsinniger los. Die Kappe bleibt zum Drittel eingeklappt : macht nichts, Plamen rennt weiter und kommt tatsächlich in die Luft. Nicht gerade sehr schulmäßig... Dennoch : auch wenn das Material hier oft etwas veraltet erscheint, haben die Piloten doch ein gutes Feeling für ihre Schirme.

Ein Polizist in schicker Uniform erscheint am Startplatz. Er arbeitet in Burgas, und in der Mittagspause kommt er öfters mal zum fliegen nach Topolitza. Handschellen und Pistole legt er erst gar nicht ab, die verschwinden unter einem Flugoverall. Scheinbar verdienen die Sheriffs in Bulgarien gar nicht so schlecht : die Ausrüstung sieht moderner aus als jene seiner Fliegerkameraden. Nur die Fluginstrumente scheinen etwas rustikaler zu sein. Rustikal vielleicht, aber bestimmt solide und verläßlich : der mechanische Höhenmesser stammt schließlich... aus einer russischen Tupolev !

Praktische Infos :

Bulgarien ist ein junges Gleitschirmland - ca. 300 einheimische "paraplane"-Piloten soll es geben. Dementsprechend wenige ausgewiesene Flugberge gibt es. Das Landesinnere ist bergig : das Rila-Gebirge steigt bis auf 2925 Meter auf, und das Balkan-Gebirge zieht sich quer durch das Land und teilt es in zwei Hälften. Das Klima im Norden ist eher kontinental, im Süden fast mediterran. Im Sommer wird es sehr heiß, im Winter dagegen sehr kalt. Die meisten Flugberge entlang des Balkangebirges sind südlich orientiert und somit bei thermischen Brisen fliegbar. Bei Streckenflugversuchen bieten teilweise relativ breite und flache Täler am Fuße des Balkan eine Vielzahl von fußballgroßen Notlandefeldern. An der Schwarzmeerküste stellen grasbewachsene Hügel eine Vielzahl von Soaringmöglichkeiten dar. Die bei normalen Bedingungen einsetzende Meeresbrise erlaubt dann stundenlanges Schweben in der Nähe der berühmten Strände, wo der Rest der Familie "beschäftigt" werden kann. Darin liegt wohl einer der Hauptbeweggründe für einen Bulgarienbesuch mit dem Gleitschirm : der kombinierte Bade- und Soaringurlaub in einem Land, wo man noch für 3 Mark ein komplettes Mitagessen bekommt. Selbstverständlich gibt es auch Kultur und Natur : einige uralte Spuren der Thraker sind zu sehen, und herrliche Klöster liegen am Rand der großen und relativ unberührten Wälder. Das Bulgarisch ist eine eigenständige Sprache, die dem Russischen nahe kommt. Die offizielle Schrift besteht aus kyrillischen Buchstaben. Zum Glück werden auf den Wegweisern oft auch lateinische Buchstaben benutzt.

SB

Weiter Auskünfte erteilt : Paracontrol Südwest, Pawel Kuntze, Nowackanlage 7, D-76137 Karlsruhe, Tel. 0721 3843026, Fax 3843028. Die Firma bietet Komplettangebote, zum Beispiel : Flug, Flughafentransfer in Bulgarien, Übernachtung und Frühstück in verschiedenen Unterkünften, Pilotenbetreuung, Dolmetscher und Rundreise im "Parabus" mit Fahrer

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